— Ausgabe 01 —

Fernab Magazin über das Leben in der Fremde
← Magazin 04. September 2026
Fernweh · 6 min

Heimweh nach einem Geruch, den es hier nicht gibt

Heimweh kommt selten über die großen Dinge. Es kommt über einen Geruch, ein Licht, eine Tonlage. Über die feine Mechanik der Sehnsucht in der Fremde.

Regennasse Fensterscheibe von innen, dahinter unscharfe warme Lichter einer fremden Stadt bei Dämmerung
Regennasse Fensterscheibe von innen, dahinter unscharfe warme Lichter einer fremden Stadt bei Dämmerung

Es kommt nie über die großen Dinge, das Heimweh. Man wappnet sich gegen die Feiertage, gegen die Geburtstage, gegen die runden Anlässe, an denen man weit weg ist. Und dann trifft es einen an einem gewöhnlichen Dienstag, im Supermarkt, weil man an einem Regal vorbeigeht und ein Geruch aufsteigt, den es hier eigentlich nicht gibt, und für einen Sekundenbruchteil ist man wieder in einer Küche, die tausend Kilometer entfernt ist.

Heimweh ist eine feine Mechanik. Es arbeitet mit den kleinsten Teilen. Ein bestimmtes Licht am späten Nachmittag, das genauso fällt wie damals. Eine Tonlage in einer fremden Stimme, die an jemanden erinnert. Das Quietschen einer Straßenbahn, das dem Quietschen von zu Hause ähnelt, obwohl es eine ganz andere Straßenbahn ist, in einer ganz anderen Stadt.

Was uns eigentlich fehlt

Wir haben lange geglaubt, uns fehle ein Ort. Aber das stimmt nicht ganz. Was uns fehlt, ist die Mühelosigkeit des Vertrauten. Zu Hause mussten wir nicht denken. Wir wussten, wo die Dinge stehen, wie die Menschen ticken, was ein Blick bedeutet. In der Fremde ist all das Arbeit — und das Heimweh ist manchmal einfach die Sehnsucht danach, für einen Moment nicht arbeiten zu müssen.

Heimweh ist selten der Wunsch, zurückzukehren. Es ist der Wunsch, für einen Atemzug nichts übersetzen zu müssen.

Das zu erkennen, hat etwas verändert. Denn wenn das Heimweh nicht der Ort ist, sondern die Mühelosigkeit, dann können wir uns Mühelosigkeit auch hier schaffen. Ein Gericht, das wir kochen können, ohne ein Rezept zu lesen. Eine Musik, deren Texte wir mitsingen, ohne nachzudenken. Kleine Inseln des Vertrauten in einem Meer aus Neuem.

Die zwei Sehnsüchte, die zugleich ziehen

Das Merkwürdige am Leben in der Fremde ist, dass zwei Sehnsüchte gleichzeitig in uns wohnen. Da ist das Heimweh, das rückwärts zieht, zu dem, was wir kennen. Und da ist das Fernweh, das vorwärts zieht, zu dem, was wir noch nicht kennen. Beide sind wahr. Beide melden sich, manchmal am selben Tag.

Wir haben aufgehört, das als Widerspruch zu sehen. Es ist eher wie das Ein- und Ausatmen. Das Heimweh erinnert uns daran, dass wir irgendwo verwurzelt sind. Das Fernweh erinnert uns daran, dass wir gekommen sind, um zu wachsen. Ein Mensch, der nur Heimweh hätte, wäre nie losgezogen. Ein Mensch, der nur Fernweh hätte, hätte nichts, wonach er sich sehnen könnte.

Eine kleine Praxis gegen die schweren Abende

Es gibt Abende, an denen das Heimweh dicht wird, meist wenn es früh dunkel wird und das Wetter grau ist. Wir haben uns dafür eine kleine Praxis zurechtgelegt. Wir schreiben nach Hause — nicht, um zu klagen, sondern um zu erzählen. Wir erzählen von dem Markt, dem seltsamen Gemüse, der Nachbarin, dem Regen. Und indem wir erzählen, verwandelt sich die Fremde von einem Ort, an dem wir leiden, in einen Ort, von dem wir berichten. Das Erzählen macht uns wieder zu jemandem, der etwas erlebt, statt zu jemandem, der etwas vermisst.

Und wir gönnen uns das Vertraute ohne schlechtes Gewissen. Wer glaubt, in der Fremde müsse man ständig das Fremde suchen, hat die Fremde nicht verstanden. Man darf an manchen Abenden einfach das essen und hören und lesen, was einen tröstet. Das ist kein Rückschritt. Das ist Selbstfürsorge.

Der Geruch, der bleibt

Der Geruch aus dem Supermarkt verfliegt nach ein paar Sekunden. Man steht wieder im Gang, zwischen fremden Verpackungen, in einem Land, das nicht das eigene ist. Aber etwas bleibt zurück, warm und ein wenig wund.

Wir haben gelernt, dieses Wunde nicht zu fürchten. Es ist der Beweis, dass wir irgendwo Wurzeln haben und irgendwo neue schlagen. Heimweh ist kein Zeichen, dass wir am falschen Ort sind. Es ist das leise Ziehen zweier Orte, die beide, jeder auf seine Weise, ein Zuhause sind — oder es werden wollen.

Ressort: Fernweh Fernab