— Ausgabe 01 —

Fernab Magazin über das Leben in der Fremde
← Magazin 14. September 2026
Unterwegs · 6 min

Nachtzüge, oder die Kunst, im Übergang zu wohnen

Zwischen zwei Ländern, im schmalen Bett eines rollenden Abteils, gehört uns eine Nacht, die keiner Adresse zuzuordnen ist. Ein Loblied auf das Unterwegssein selbst.

Blick aus einem dunklen Zugabteilfenster in die Nacht, verschwommene Lichter ferner Häuser ziehen als Streifen vorbei
Blick aus einem dunklen Zugabteilfenster in die Nacht, verschwommene Lichter ferner Häuser ziehen als Streifen vorbei

Es gibt eine besondere Sorte Nacht, die man nur in einem Zug erlebt. Sie beginnt am Bahnsteig, wenn die Waggons in einer Reihe stehen wie ein langer, erleuchteter Satz, und man den eigenen Wagen sucht, die Nummer auf dem Ticket noch einmal prüft, den Koffer über die hohe Stufe hebt. Und sie endet Stunden später, in einem anderen Land, mit einem Kaffee, der anders schmeckt als der von gestern.

Wir lieben Nachtzüge, weil sie uns eine seltene Erfahrung schenken: das Wohnen im Übergang. Man ist nicht mehr am Ort, den man verlassen hat, und noch nicht an dem, zu dem man fährt. Man ist dazwischen. Und dieses Dazwischen hat, für eine einzige Nacht, eine eigene Adresse — die schmale Koje, das Gepäcknetz, den Wasserhahn, der klappt, wenn man ihn nach unten drückt.

Das kleinste Zuhause der Welt

Ein Schlafwagenabteil ist das kleinste Zuhause, das wir je bewohnt haben, und eines der vollständigsten. Alles hat seinen Platz, weil es keinen anderen gibt. Die Schuhe unter das Bett. Die Brille in die Netztasche an der Wand. Das Buch auf die winzige Ablage, die genau ein Buch fasst. Es liegt eine seltsame Zufriedenheit in dieser Reduktion. Für eine Nacht besitzen wir nur, was wir tragen können, und es reicht.

Reisen lehrt uns, wie wenig ein Mensch braucht, um sich für eine Nacht zu Hause zu fühlen: eine Decke, ein Fenster, das Vertrauen, dass der Zug weiß, wohin er fährt.

Draußen zieht das Land vorbei, das wir bei Tag nie sehen werden — Bahnhöfe kleiner Orte, an denen niemand aussteigt, ein einzelnes erleuchtetes Fenster in einem Haus am Feld, das Aufblitzen eines Bahnübergangs. Wir liegen im Dunkeln und schauen zu, wie eine ganze Region an uns vorüberfließt, ohne dass wir sie betreten. Es ist die intimste Form, ein Land nicht zu kennen.

Der Rhythmus, der einschläfert

Der Zug hat einen eigenen Herzschlag. Das Rattern über die Schienenstöße, das leichte Schwanken in den Kurven, das Bremsen und Anfahren an den nächtlichen Halten. Man lernt, in diesem Rhythmus zu schlafen, und es ist ein anderer Schlaf als der zu Hause — leichter, durchlässiger. Man wacht auf, weil der Zug steht, hört gedämpfte Stimmen auf einem Bahnsteig, eine Durchsage in einer Sprache, die man noch nicht versteht, und sinkt wieder zurück, während sich alles erneut in Bewegung setzt.

Wir haben gelernt, diese Halbwachheit nicht zu bekämpfen. Sie gehört dazu. Man ist im Übergang, also schläft man auch nur im Übergang. Wer den perfekten Schlaf sucht, ist im Nachtzug falsch. Wer den Übergang sucht, ist genau richtig.

Eine kleine praktische Liebeserklärung

Ein paar Dinge machen die Nacht schöner, und wir geben sie gerne weiter. Man packe alles für den Morgen in eine kleine Tasche, die man im Dunkeln greifen kann — Zahnbürste, ein sauberes Hemd, das Ticket. Man stelle die Wasserflasche in die Halterung, nicht auf den Boden, wo sie beim nächsten Halt kippt. Und man lasse die Rollos einen Spalt offen, damit das erste Licht hereinkommt. Nichts ist schöner als das Aufwachen, wenn draußen ein neues Land beginnt, das gestern noch nicht da war.

Ankunft, die nachhallt

Am Morgen tritt man auf einen fremden Bahnsteig, zerknittert, verwuschelt, mit dem eigenartigen Stolz dessen, der eine Grenze im Schlaf überquert hat. Der Boden fühlt sich noch eine Weile an, als würde er sich bewegen. Man geht ein wenig unsicher, als hätte man das Gehen kurz verlernt.

Das ist der schönste Teil. Denn für einen Moment tragen wir die Nacht noch in uns, das Rattern, das Schwanken, das kleine Zuhause auf Rädern. Wir sind angekommen, aber ein Teil von uns fährt noch. Und wir wissen: Das Unterwegssein war nicht der Weg zum Ziel. Es war selbst ein Ort, an dem wir für eine Nacht gewohnt haben.

Ressort: Unterwegs Fernab