Die Höflichkeit der fremden Wörter
Eine neue Sprache lernt man nicht mit der Grammatik, sondern mit den kleinen Formeln, die niemand im Lehrbuch erklärt. Über das Fühlen einer Sprache, bevor man sie versteht.
Das erste Wort, das wir in einer neuen Sprache wirklich lernen, ist selten das erste Wort, das im Lehrbuch steht. Im Lehrbuch steht meist ein höfliches „Guten Tag”. Aber das Wort, das wir wirklich lernen — das, welches sich einbrennt —, ist das, das die Verkäuferin sagt, wenn sie uns das Wechselgeld gibt, und das wir zunächst für einen einzigen langen Laut halten, bis wir merken, dass es aus drei Wörtern besteht, die alle bedeuten: Kein Problem, gern geschehen, kommen Sie wieder.
Eine Sprache besteht nicht aus Vokabeln. Sie besteht aus diesen Fugen, diesen kleinen sozialen Schmierstoffen, die niemand unterrichtet, weil sie zu selbstverständlich sind, um erklärt zu werden. Und genau an ihnen erkennt man, ob jemand eine Sprache spricht oder sie nur kann.
Was das Lehrbuch verschweigt
Wir haben Verben konjugiert und Fälle gelernt, und dann standen wir am Marktstand und verstanden kein Wort. Denn niemand spricht in Lehrbuchsätzen. Die Menschen verschlucken Silben, hängen Wörter aneinander, benutzen Wendungen, die wörtlich übersetzt keinen Sinn ergeben. „Wie geht es dem Körper?” fragt man in manchen Gegenden statt „Wie geht es dir?”, und wenn man das nicht weiß, sucht man verzweifelt nach dem Körper, von dem die Rede ist.
Man versteht eine Sprache erst, wenn man ihre Höflichkeiten fühlt, bevor man sie übersetzt.
Diese Erfahrung ist demütigend und befreiend zugleich. Demütigend, weil all die Mühe des Lernens plötzlich klein wirkt. Befreiend, weil sie uns lehrt, dass Sprache nichts Abstraktes ist. Sie lebt in Mündern, an Marktständen, in der Art, wie zwei Menschen sich beim Bäcker begrüßen, ohne stehenzubleiben.
Die Formeln, die Türen öffnen
Es gibt in jeder Sprache eine Handvoll kleiner Formeln, die mehr wert sind als hundert Vokabeln. Der Gruß, der signalisiert, dass man dazugehören möchte. Die Dankesfloskel, die etwas wärmer ist als das nötige Minimum. Das Wort, mit dem man sich entschuldigt, wenn man jemanden im Gedränge streift. Wer diese kleinen Höflichkeiten beherrscht, wird anders behandelt — nicht, weil er die Sprache spricht, sondern weil er zeigt, dass er sich Mühe gibt.
Das ist die praktische Einsicht, die wir überall wiederfinden: Perfektion ist nicht der Schlüssel. Mühe ist der Schlüssel. Ein holpriger Satz in der Landessprache, ehrlich und mit einem Lächeln gesagt, öffnet mehr Türen als ein perfekter Satz in einer geliehenen Weltsprache. Die Menschen verzeihen jeden Fehler, wenn sie spüren, dass man es versucht.
Wenn die Sprache anfängt zu denken
Es kommt ein Moment, der sich kaum beschreiben lässt. Wir stehen an der Bushaltestelle, jemand fragt uns etwas, und wir antworten — bevor wir übersetzt haben. Der Umweg über die eigene Sprache ist für einen Augenblick verschwunden. Es ist, als hätte sich im Kopf eine zweite, noch schmale Straße geöffnet, auf der die Wörter direkt fahren dürfen, ohne den Zoll der Übersetzung zu passieren.
Diese Momente sind zunächst selten und flüchtig. Man verliert sie sofort wieder, sucht sie, findet sie nicht. Aber sie kommen häufiger. Und eines Tages träumt man einen kleinen Satz in der neuen Sprache und wacht auf mit dem Gefühl, ein Stück Land betreten zu haben, das vorher nur hinter Glas zu sehen war.
Die Sprache als Gastgeschenk
Am Ende ist das Erlernen einer Sprache eine Form von Höflichkeit gegenüber einem Land. Wir sagen mit jedem holprigen Satz: Ich nehme euch ernst genug, um mich anzustrengen. Und das Land antwortet, auf tausend kleine Weisen — mit einem Lächeln an der Kasse, mit einem zusätzlichen Stück Brot, mit einem Gespräch, das länger dauert als nötig.
Wir werden diese Sprache nie so sprechen wie jene, die in ihr aufgewachsen sind. Aber das ist nicht das Ziel. Das Ziel ist, dass die fremden Wörter aufhören, fremd zu sein — dass sie eines Tages in unserem Mund wohnen, ein wenig ungelenk vielleicht, aber zu Hause.